Dr. Merle Fuchs

Dr. Merle Fuchs gibt Empfehlungen für Gründer

Teil 1: Be prepared – allzeit bereit!

Be prepared – also allzeit bereit – lautet das Motto, das Lord Robert Baden-Powell der 1907 von ihm gegründeten Pfadfinderbewegung gegeben hat.

Auch als Gründer muss man allzeit bereit sein. Damit ist nicht gemeint, jede Chance zu ergreifen, einer alten Dame über die Straße zu helfen, selbst wenn sie gar nicht auf die andere Seite will, oder selbstgebackene Kekse für einen guten Zweck auch an Diabetiker zu verkaufen, sondern es bedeutet, immer bereit zu sein, den nächsten Knüppel auf dem „steinigen Pfad zum unternehmerischen Zwischenziel“ wegzuräumen. Dazu ist nicht nur genügend Geld für alle notwendigen Ausgaben auf diesem oftmals langen Wegabschnitt notwendig, was der Gründer oder die Gründerin organisieren muss, sondern es bedarf auch entscheidender Fähigkeiten:

Flexibilität mit (Business-)Plan

Pfadfinderinnen und Pfadfinder schmücken ihre Kluft, also ihre Pfadfinderkleidung, gerne mit Abzeichen, die sie sich erarbeitet haben, indem sie neue Fertigkeiten erlernt haben. Das kann musisches oder handwerkliches Können sein, aber auch Softskills oder andere Fähigkeiten wie Landkarten zu lesen, ein Feuer ohne Streichhölzer zu entfachen, essbare Pflanzen zu kennen oder einen Vortrag zu halten.

Auch Gründer benötigen umfangreiche Fertigkeiten, nicht zuletzt, da auf dem Weg zum Erfolg immer wieder Hürden überwunden werden müssen, wozu neben Kreativität auch Wissen und Können hilfreich sind. Daher müssen Gründer und Unternehmerinnen flexibel sein und über die Fähigkeit verfügen, sich kreativ auf Neues einzulassen, um den eingeschlagenen Weg ändern zu können, wann immer dies notwendig wird. Dabei müssen sie manchmal Umwege gehen, finden aber auch ab und an eine Abkürzung.

Wichtig ist immer, dabei das Ziel und den Zeitplan nicht aus den Augen zu verlieren. Daher ist gerade für komplexe Gründungsvorhaben ein Plan, am besten ein schriftlich fixierter Businessplan mit detaillierten Meilenstein- und Ressourcenabschätzungen, wichtig. Im Gegensatz zu einer schnellen Strukturierungshilfe, wie beispielsweise durch den Business Model Canvas, zwingt die Ausformulierung des Businessplans das Gründerteam dazu, alle wichtigen Zusammenhänge klar aufzulösen, Abhängigkeiten, z.B. in definierten Marktsegmenten, von Schlüsselkunden, Markttrends oder Lieferketten, deutlich herauszuarbeiten, Risiken rechtzeitig zu erkennen und eine Unternehmensvision schriftlich zu fixieren, die in den nächsten Jahren als Leitlinie für alle Beteiligten gelten kann.

Durchhaltevermögen

Pfadfinderinnen und Pfadfinder lernen mit Gleichgesinnten, durchzuhalten. Eine meiner vielen schönen Erinnerungen aus meiner Pfadfinderzeit betrifft einen Hajk. Bei diesem Aufgabenlauf treten in der Regel mehrere kleine Gruppen gegeneinander an, indem sie auf einer mehrtägigen Wanderung durch unbekanntes Gebiet auf sich selbst gestellt Aufgaben lösen müssen. Gemeinsam muss man dabei all das, was man während dieser Zeit benötigt, mittragen, für Verpflegung und Schlafplätze sorgen, den richtigen Weg finden und zwischendurch unterschiedlichste Aufgaben lösen. Dabei treibt nicht nur das Erreichen des Zieles, sondern auch die Konkurrenz zu den anderen Teams dazu an, möglichst erfolgreich zu sein. Außerdem möchte auf einem Hajk jeder viel erleben, Neues kennenlernen und in der Gruppe eine tolle Zeit zu haben. Eines der schönsten Hajk-Erlebnisse war ein Abend, an dem wir bei strömendem Regen, kalt, müde, nass und mit schwerem Gepäck noch viele dunkle Kilometer zu laufen hatten. Toll wurde das Erlebnis dadurch, dass wir uns auf dem Weg damit motiviert haben, nicht zu jammern, sondern auf den letzten und schwersten Kilometern gemeinsam lautstark „ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm“ zu spielen und dabei regelmäßig die Beine in die Luft zu werfen, um Kraftreserven zu mobilisieren und die Laune zu bessern.

Auch beim Aufbau eines Unternehmens müssen immer wieder neue Wege gefunden werden, um Kraftreserven zu mobilisieren. Vor allem der Aufbau eines innovativen Unternehmens sollte zwar gut vorbereitet sein, enthält aber dennoch immer Unwägbarkeiten. Gerade bei innovativen Produkt- oder Dienstleistungsideen lässt sich nicht exakt vorhersagen, wie der Markt auf das neue Angebot reagieren wird– oftmals muss sich dieser erst noch entwickeln und ist kaum planbar.

Auch bei der Erstellung der innovativen Angebote müssen neue Lösungen gefunden werden. Lieferanten, Prozesse, Mitarbeiter und vor allem die Gründer selbst müssen qualifiziert werden. Dies dauert fast immer länger und hält deutlich mehr Herausforderungen bereit als erwartet.

Dabei gibt es eigentlich ständig Rückschläge und Familie und Freunde wollen allmählich nicht mehr hören, mit welchen kraftraubenden und nervenzehrenden „Kleinig- und Großigkeiten“ man sich tagtäglich und monatelang rumärgern muss. Und die Mitarbeiter darf man erst recht nicht mit den ganzen Herausforderungen belasten, um deren Motivation nicht zu schmälern. Daher muss ein Gründer in der Lage sein, sich ständig selbst zu motivieren und nicht aufzugeben, selbst wenn die Gelder bis zur Erreichung des nächsten Zwischenziels echt knapp werden!

Ich werde oft gefragt, was einen erfolgreichen Gründer ausmacht. Es ist derjenige, der es irgendwie schafft, alle Probleme zu lösen.

(Selbst-)Kritikfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein.

Pfadfinderorganisationen erscheinen für Außenstehende sehr hierarchisch organisiert zu sein, sind aber im Idealfall demokratische, selbst organisierende Systeme von Kindern und Jugendlichen. Erfahrene Erwachsene sollen dabei nur den allernotwendigsten (juristischen) Rahmen geben.

Gerade durch das Leben mit einfachen Mitteln im Freien, am besten sogar in fremden Ländern, Verlassen die Pfadis die Komfortzone  und suchen bewusst (kalkulierbare) Risiken, um den Blick für mögliche Gefahren zu schärfen und vor allem, um Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln.

Auch Unternehmer benötigen in starkem Maße Verantwortungsbewusstsein. Für sich, ihre Teams, ihre Geschäftspartner und die Umwelt, in der sie arbeiten und leben. Gute Unternehmer und solche, die es werden wollen, sind in der Lage und sich darüber bewusst, ihr Umfeld und darin stattfindende Prozesse beeinflussen zu können. Wer davon überzeugt ist, tatsächlich auch etwas beeinflussen, verändern oder mitbestimmen zu können, denkt intensiv darüber nach, was er oder sie tun kann und tun muss, um das selbst gesteckte Ziel zu erreichen. Dies korreliert stark mit der Bereitschaft, auch Verantwortung zu übernehmen, d.h. mit der Fähigkeit, nicht nur eigene Entscheidungen zu treffen und dafür zu sorgen, dass diese umgesetzt werden, sondern auch damit, bereit zu sein, die Konsequenzen zu tragen, sollte sich die Entscheidung später als falsch herausstellen.

Gute Unternehmerinnen (m/w/d) schreiben sich daher auch bei einem Misserfolg eine gewisse Kontrolle dafür zu, verfügen also über die Fähigkeit zur Selbstkritik. Feldstudien und Laborexperimenten zeigen, dass Führungspersonen nach Misserfolgen nicht nur mehr über ihr eigenes Verhalten reflektieren, sondern auch mehr daraus lernen, als dies Mitarbeitende tun.

Wer über genügend Selbstbewusstsein verfügt, Selbstkritik zu üben, kann auch recht gut eine andere Meinung von außen aushalten, sei es durch Mitarbeiter, Investoren, Mentoren, Kunden oder Lieferanten. Vor allem, wenn diese Expertenmeinungen nicht mit der eigenen übereinstimmen, bieten sie wichtigen Input, um den eigenen Standpunkt zu überprüfen und um neue Informationen und Ideen aufgreifen zu können. Ein beratungsresistenter Unternehmer wird dies nicht zwingendermaßen lange bleiben – beratungsresistent wahrscheinlich dauerhaft, erfolgreicher Unternehmer wohl kaum!

Gewissenhaftigkeit

Lord Baden-Powell hat in seinem 1908 Buch erschienenen Buch “Souting for Boys” ein Versprechen formuliert, das in einer zeitgemäß angepassten Form noch immer weltweit von jeder Pfadfinderin und von jedem Pfadfinder gegeben wird:

“On my honour I promise, that –

  1. I will do my duty to God and King.
  2. I will do my best to help others, whatever it costs me.
  3. I know the Scout Law and will obey it”

Dieses Versprechen abzulegen, ist ein ganz besonderer Moment, der durch das pfadfinderische gemeinschaftliche Erleben lange vorbereitet wird. Dadurch legt jeder junge Mensch dieses Versprechen mit großer Gewissenhaftigkeit ab und versucht, es im Alltag so gut wie möglich umzusetzen.

Gewissenhaftigkeit spielt auch für unternehmerischen Erfolg eine bedeutende Rolle. Gerade in den USA versuchen Studien das „Unternehmergen“ zu charakterisieren, d.h. herauszufinden, was Unternehmer von Nicht-Unternehmern unterscheidet. Besonders aussagekräftig dazu sind Vergleiche zwischen angestellten Managern und Unternehmern. Der Hauptunterschied, der dabei sichtbar wird, betrifft die Gewissenhaftigkeit (conscientiousness), die sich aus Leistungsmotivation und Zuverlässigkeit zusammensetzt. Die Harvard Business School beschreibt im Working Paper 18-047, dass sich Unternehmer und Manager bezüglich ihrer Zuverlässigkeit ähneln, aber Unternehmer eine deutlich höhere Leistungsmotivation als die der Manager aufweisen.

Gewissenhaftigkeit ist eine der „Big 5“ genannten Persönlichkeitsausprägungen, die Psychologen gerne nutzen, um Menschen zu charakterisieren. Die anderen vier sind Offenheit für Erfahrungen, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität. Studien belegen, dass statt Intelligenz eher Extrovertiertheit, emotionale Stabilität und Gewissenhaftigkeit darauf deuten, dass jemand zur Führungspersönlichkeit wird. Wie gut man seinen Job erledigt, wird jedoch vorrangig von der Gewissenhaftigkeit geprägt.[1]

Wichtig zu wissen: Persönlichkeit ist formbar, weitaus besser und länger im Lebensverlauf als grundlegende kognitive Fähigkeiten wie Intelligenz. Dazu tragen Erfahrungen stark bei – vor allem auch neue Erfahrungen außerhalb der Komfortzone mit den Herausforderungen, Hürden und Rückschlägen, auf die ein Gründer regelmäßig trifft. Tröstlich!

Was vielleicht noch tröstlicher ist: Man muss Fehler nicht selbst machen, um daraus zu lernen! Forscher fanden heraus, dass Menschen, die beobachten, wie andere Fehler machen, daraus mehr lernen, als wenn sie denselben Fehler selbst machen.[2] Also: mit offenen Augen den eigenen Pfad finden, dabei rechts und links des Weges schauen und von anderen lernen!

Andere Motivieren

Pfadfinder haben Führer, die die Sippen (Gruppen), den Stamm (Einzelorganisation) oder den Verband (Verbundorganisation) leiten. Diese verfügen über besonders viel Erfahrung und auch wenn die Pfadfinder sich nach dem Motto „Learning by Doing“ möglichst demokratisch selbst organisieren, sind die Führer in wichtigen Phasen die Motivatoren, Koordinatoren und Verantwortlichen.

Auch in Unternehmen spielt die Führung eine große Rolle. Wie schaffen es gute Führungskräfte, nicht nur sich selbst, sondern auch andere zu motivieren und zu inspirieren? Dazu wurden mit bildgebenden Verfahren untersucht, was in Gehirnen von Studienteilnehmern passiert, wenn diese sich an Interaktionen mit guten Führungskräften erinnern. Teile des Gehirns, die für soziales Denken und positive Emotionen verantwortlich sind, wurden dabei besonders beansprucht. Durch Ermutigung, Loben und Belohnen – nicht durch Bestrafung – schaffen die guten Führungskräfte nicht nur eine gute Lernumgebung, sondern sie bauen eine starke emotionale Bindung für eine hohe Motivation und mehr Zielstrebigkeit innerhalb ihres Teams auf. Und wer ein solches Team um sich hat, muss steinige Wege nicht mehr allein gehen und kann sich Lasten teilen!!!

Dr. Merle Fuchs, die Autorin, war nicht nur begeisterte Pfadfinderin, sondern gründet gerade ein Biotechnologieunternehmen, hat sieben Hightech-Startups mitgegründet und mehr als fünfhundert Gründungsprojekte und Wachstumsunternehmen begleitet. Mit ihrer Firma TechnologieContor berät sie innovative Startups und technologieorientierte junge Unternehmen im Bereich Unternehmensstrategie, Markterschließung, Expansion und Finanzierung.

 

[1] www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/erfolg-intelligenz-ist-nicht-alles-1697.html

[2] www.theladders.com/career-advice/new-study-shows-we-learn-less-from-failure-than-success