„Marsrover“ für die Landwirtschaft: E-TERRY digitalisiert die Landwirtschaft

Der Roboter E-TERRY fährt vollautomatisch über das Feld und unterscheidet mithilfe eines Algorithmus selbstständig zwischen Gemüse und Unkraut. Michael Rieke, Fabian Rösler und Martha Wenzel, Gründer:innen des gleichnamigen Start-ups, schlagen mit ihrem Produkt gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Mithilfe von automatisierten Lösungen will das Team aus Thüringen die Landwirtschaft digitalisieren und Ökolandbau attraktiver machen. Mit Co-Founder Martha sprechen wir im Interview über aktuelle Herausforderungen landwirtschaftlicher Betriebe und das Gründungsland Thüringen.

Woher kommt denn deine Leidenschaft für das Thema?

Ich bin auf einem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb in der Nähe von Erfurt aufgewachsen. Meine Familie hat schon seit vielen Generationen einen Hof so wie man sich das im Bilderbuch vorstellt – mit Kühen, Schweinen, Gänsen. Nun ist es aber so, dass sich die Entwicklung von landwirtschaftlichen Betrieben stark gewandelt hat. Es gibt ein sehr großes Höfesterben, wovon auch unser Familienbetrieb betroffen war. Durch das Aufwachsen in so einem Betrieb habe ich eben einen ganz anderen Blick für die Probleme, die in der Landwirtschaft bestehen. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich dagegen etwas tun muss. Deswegen bin ich ein Teil von E-TERRY.

Welche Lösungen hat E-TERRY für diese Probleme?

Wenn man in Thüringen die Landstraßen entlang fährt, dann sieht man schon ganz gut, dass die Felder sehr groß sind und aus Monokulturen bestehen. Die konventionelle Landwirtschaft ist also vorherrschend. Mit dem E-TERRY ermöglichen wir es, die ökologische Landwirtschaft auf großer Fläche wieder wirtschaftlich zu machen. Gerade mit der mechanischen Beikrautregulierung, also dem Hacken von Unkraut, machen wir den Öko-Landbau wieder wettbewerbsfähig. Die Automatisierung birgt da ein sehr großes Potenzial.

Wie ging es mit E-TERRY los?

Der E-TERRY wurde von unserem Entwickler Michael Rieke an der Bauhaus-Universität Weimar erfunden. Michael kommt auch von einem landwirtschaftlichen Betrieb und war immer sehr großer Fan vom Marsrover. Er dachte sich: Wenn es möglich ist, Roboter ins All zu schicken, dann sollten wir uns das hier auf der Erde für die Landwirtschaft erst recht zu Nutze machen. So ist die Idee entstanden, einen Leichtbaugeräteträger zu entwickeln, der verschiedene Aufgaben auf dem Feld automatisieren kann und dem Landwirt so einen großen Arbeitsaufwand abnimmt. Nun gibt es in der Landwirtschaft so viele Arbeitsprozesse, die man abbilden kann. Wir haben gesagt, dass wir erst mal die Aufgabe lösen, die am meisten Arbeit in Anspruch nimmt: das Hacken von Unkraut. Das beansprucht zum Beispiel in Gemüsekulturen rund 200 bis 300 Stunden pro Hektar, die der Landwirt manuell aufwenden muss.

Wie seid ihr als Gründungstrio zusammengekommen?

Nach der Patentanmeldung hat Michael am neudeli Fellowship der Gründungswerkstatt der Uni Weimar teilgenommen und auch beim TRIP Accelerator-Programm. Er hat also alles mitgenommen, was geht und wurde unterstützt, was die Formulierung des Business-Konzepts angeht. Es ist ja erst mal ein großer Sprung von einer Produktidee zu einem Produkt, was man wirklich auf den Markt bringen kann. Da wurden dann wirklich die ersten Schritte getan. Später hat Michael noch eine Person gesucht, die sich mit Betriebswirtschaft auskennt. Ich bin zufällig über seine Stellenausschreibung gestolpert und eingestiegen. Unser dritter Mitgründer Fabian Rösler ist direkt im Anschluss durch persönliche Kontakte über mich zu E-TERRY gekommen. Dann ging es so richtig los und wir haben im April 2022 gegründet.

Wo habt ihr Unterstützung in Sachen Gründung erhalten?

Michael hat, wie gesagt, die TRIP-Class besucht, wo er alles an Handwerkszeug in Sachen Gründung mitbekommen hat. Das war sehr hilfreich, denn für ihn als Produktentwickler ist das eine ganz neue Welt. Wir haben außerdem den Thüringer Wettbewerb „get started 2gether“ gewonnen, was für uns strategisch sehr wertvoll war. Wir entwickeln nun mit dem Institut für angewandte Bauforschung in Weimar einen Algorithmus, der die Hauptkultur, also Salat, Weißkohl und Spinat, von Unkraut unterscheidet. Das bildet für uns die Basis unserer kompletten Unternehmung. Dieser Algorithmus ist erweiterbar, sodass auch andere Kulturen integriert werden können. Für uns war das der Startschuss für die Software-Entwicklung. Wir werden auch in der Beratung von ThEx Enterprise sehr gut unterstützt. Kürzlich haben wir im ThEx-Zentrum ein Seminar zu Steuern und Buchhaltung besucht. Wir werden aber auch mit Ideen unterstützt, was es noch an Seminaren oder Fördermöglichkeiten in Thüringen gibt. Das ist wirklich ein bunter Strauß an Angeboten. Es ist außerdem sehr viel wert, die bm|t als Lead-Investorin zu haben, die uns den Rücken stärkt.

Wie konnte die bm|t unterstützen?

Die bm|t hat uns schon in vielen Belangen unterstützt. Auch weil wir immer ganz offen mit unserer Investmentmanagerin Karin Rabe sprechen konnten. Sie hat von Anfang an das Potenzial gesehen und an uns und unsere Idee geglaubt. Das hat uns als Start-up bzw. unserem Gründungsvorhaben zusätzlichen Drive gegeben. So war es auch ein bisschen einfacher, noch weitere Investoren ins Boot zu holen.

Wie haben euch Gründungspreise und Events auf eurem Weg geholfen?

Was man ganz klar sagen muss ist, dass für uns vor allem das Preisgeld wichtig war. Gerade in der Anfangsphase als Start-up hatten wir ja erst sehr wenige Mittel zur Verfügung. Wenn man dadurch ein bisschen Spielraum erlangt, ist das sehr viel wert. Die TRIP-Class hat uns außerdem ein extrem gutes Netzwerk in Thüringen gebracht – vor allem durch den Austausch mit anderen Start-ups.

Ihr habt mit eurer Gründungsidee den 3. Platz in der Kategorie GRÜNDEN beim ThEx Award 2021 belegt. Wie seid ihr auf den Preis aufmerksam geworden?

Ich würde meinen, dass wir über das neudeli auf den Gründungspreis aufmerksam geworden sind. Da lagen immer ganz viele Flyer aus, wo es sehr viele interessante Infos für Gründer gab. Bei der Preisverleihung zum ThEx AWARD haben wir vom Austausch mit anderen Unternehmen in Thüringen profitiert. Wir haben während der Pandemie gegründet und waren dann erst mal nur unter uns. Dieser Austausch war deshalb sehr wichtig. Man kann so viel aus den Erfahrungen anderer lernen.

Warum habt ihr euch für Thüringen als Standort entschieden?

Wir wurden von anderen Bundesländern schon sehr umgarnt. Das war sehr attraktiv für uns, aber wir haben uns immer bewusst dazu entschieden, in Thüringen zu gründen. Wir möchten ein Start-up sein, dass in Thüringen Fuß fasst und die hiesige Wirtschaft unterstützt. Und wir wollen natürlich auch anderen Gründern, die nach Berlin oder München gehen, beweisen, dass man auch hier in Thüringen erfolgreich sein kann. Gerade beim Netzwerkgedanken kann Thüringen zwar noch aufholen, trotzdem gibt es hier auch viele spannende Angebote. Diese Synergien sollte man nutzen. Die Investor Days Thüringen haben uns zum Beispiel total überrascht und gezeigt, wer auf diesem Event alles zusammen kommen kann. Das Thüringer Potenzial ist groß. Ich möchte daher gerne den Aufruf an alle Gründungsinteressierte in Thüringen starten, die noch überlegen, ob sie ins kalte Wasser springen sollen. Traut euch!

Was ist denn eure Vision für die Zukunft?

Wir wollen mit unserem E-TERRY die Landwirtschaft nachhaltiger, effizienter und intelligenter machen. Wir möchten bestehende Technologien dazu nutzen, die Landwirtschaft generell besser zu machen. Und vor allem die ganze Gesellschaft mitzunehmen, um zu zeigen, welche Bedeutung Landwirtschaft für jeden von uns, aber auch zur Bekämpfung des Klimawandels hat. Dazu wollen wir in Thüringen ein solides Unternehmen aufbauen und perspektivisch innovative Arbeitsplätze schaffen, die Menschen einen Purpose bieten.